Stellungnahme des antidiskriminierungsbüros mannheim e.V., 7. März 2020 Zum Umgang mit der Sarotti-Werbung im Capitol

Das adb unterstützt die Aussage von Tahir Della, Sprecher der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, und schließt sich ihr an:
„Aus unserer Sicht ist ein Beibehalten einer so belastenden Figur wie der Sarotti M* kein geeignetes Mittel, sich mit rassistischen Bildern und Vorstellungen auseinanderzusetzen.“

Wir verweisen auf unsere Stellungnahme vom 4.3.2019 und auf die Tatsache, dass wir heute immer noch dieselbe Position vertreten.

Die Diskussionen um die Sarotti-Werbung verdeutlichen, dass bis heute in der Gesellschaft zu wenig Verständnis über strukturellen Rassismus vorhanden ist. Wir alle müssen anerkennen, dass 500 Jahre Sklaverei und danach Kolonialisierung, einhergehend mit Kolonialrassismus, unsere Gesellschaft tiefgreifend beeinflusst haben. Mechanismen sind in allen gesellschaftlichen Bereichen tief verankert. Oft werden rassistische Ausdrucksweisen oder Symbole unreflektiert und unkritisch übernommen. Auch durch Personen, die sich selbst gegen Rassismus und Rechtsextremismus positionieren oder selbst Angehörige von marginalisierten Gruppen sind. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang darauf, dass gut gemeinte Aktionen oder in guter Absicht geäußerte Meinungen durchaus rassistisch sein können. Bei rassistischem Handeln spielt nicht die Intention eine Rolle, sondern die Wirkung auf Betroffene. Die Anerkennung dieser Tatsache ist die Voraussetzung für den Weg zu einer Aufdeckung und Aufarbeitung unserer blinden Flecken. Es besteht ein großer Bedarf an Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit. Wir können keine rassismusfreie Gesellschaft werden, ohne davor eine rassismuskritische Gesellschaft zu sein.

Das adb fordert:

  • Solidarität mit den Betroffenen und ein respektvolles Miteinander auf Augenhöhe mit allen Mitbürger*innen, unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion, sexuellen Orientierung oder ihres Geschlechts; hierzu gehört auch: die Betroffenen sichtbar zu machen und ihnen die Wahrnehmung ihrer Partizipationsrechte zu ermöglichen.
  • Anerkennung, dass Rassismus auch in der Mitte der Gesellschaft besteht und die Entschiedenheit, ihm mit allen demokratischen Mitteln entgegenzutreten; die Auseinandersetzung mit Rassismus ist ein langer Weg, auf dem Bescheidenheit, Ausdauer sowie die Bereitschaft, die eigenen Strukturen in Frage zu stellen, unabdingbar sind;
  • Einbeziehung von Expert*innen mit einschlägigen Erfahrungen und Minderheitenvertreter*innen der People of Colour (PoC);
  • Anerkennung, dass die Expertise von Minderheitenangehörigen zusätzlich zu ihrem fachlichen Wissen ein Wissen ist, dass aufgrund reflektierter Erfahrungen aufgebaut wird und nur aufgrund selbst gemachter Rassismuserfahrungen erlangt werden kann.

Die Abhängung der Sarotti-Werbeanlage im Capitol wäre ein möglicher erster Schritt. Darüber hinaus muss aber unter Einbeziehung von Expert*innen, zusammen mit verschiedenen Akteur*innen der Mannheimer Stadtgesellschaft, ein nachhaltiger Reflexionsprozess angestoßen werden, welcher die Komplexität des Themas berücksichtigt und Raum für Aufklärung und Sensibilisierung schafft. Der Prozess könnte z.B. eine Konzeptentwicklung für einen neuen Ausstellungsort beinhalten, einen Ort, den man bewusst betritt, um sich mit dem Thema des strukturellen Rassismus auseinanderzusetzen; ein Ort, der zum einen Betroffene nicht unfreiwillig mit dem Thema konfrontiert und zum anderen das Thema nicht bloß en passant behandelt.

Die immer wiederkehrende Diskussion um die Sarotti-Werbung zeigt eindrücklich, dass wir dringend eine kritische Aufklärung und Sensibilisierung über Kolonialgeschichte und Kolonialrassismus mit brauchen, um uns auf den Weg zu einer rassismuskritischen Stadtgesellschaft zu machen.